Was bisher geschah

28 04 2009

Asche auf mein Haupt. Viel zu lange nichts geschrieben. Aber dafür sind verregnete Sonntagnachmittage da, um das Blogschreiben wieder aufzuholen. (Hab den Eintrag großteils am Sonntag geschrieben und erst heute online gestellt)

In Bologna kommt schon der Frühling, den einen oder anderen Abend kann man schon auf der Piazza verbringen. Theoretisch wohne ich seit März wieder in Monte Sole, praktisch fahre ich aber meistens am Abend wieder nach Bologna und übernachte hier. (Bin jetzt endlich stolzer Bewohner einer WG; Fotos kommen noch!)

Zu Ostern wollte ich eigentlich mit einer Freundin in die Cinque Terre fahren, dann war aber in ganz Italien Schlechtwetter angesagt und wir sind in Bologna geblieben, was auch ganz nett war. Es war das ganze Wochenende warm und sonnig, wir haben am Balkon gegrillt, im Park gechillt und am Sonntag ein wunderschönes Oster-Picknick in einem kleinen Park gemacht.

Am Gründonnerstag hab ich wieder mal einen Tag lang mit Mattia auf seinem Mini-Bauernhof gearbeitet. Das war eine schöne Abwechslung. Außerdem haben wir jetzt vor, auch in Monte Sole einen Gemüsegarten anzulegen, aber bisher sind wir noch nicht dazu gekommen.

Das letzte Wochenende hatten wir in Monte Sole ein Mini-Seminar mit den Gruppenleitern eines der Camps, das wir im Juli veranstalten. Es steht unter dem Titel “CreARTing Europe” und verbindet Jugenbegegnung, Peace-Education und Kunst. Dazu kommen Jugendgruppen aus Italien, Mazedonien, Serbien und Slowenien nach Monte Sole. Das Wochende war also interessant, aber auch anstrengend und arbeitsreich. Montag bis Mittwoch war Brandon Hamber bei uns zu Gast, um im Auftrag der International Coalition of Sites of Conscience unsere Arbeit zu evaluieren. Er hat ein zweitägiges Workshop mit einer Schulklasse beobachtet, und ich war dabei um für ihn zu übersetzen. Das war auch für mich sehr interessant, unsere Arbeit aus einer anderen Perspektive zu beobachten, und natürlich mit so einem interessanten Menschen zusammen zu arbeiten.

Die ganze letzte Woche haben wir nebenbei auch die Feierlichkeiten zum 25. April, Jahrestag der Befreiung Italiens von den Nazis, vorbereitet. Da ist in Monte Sole immer ganz viel los, sehr viele junge Leute kommen, und es gibt viele kleine Veranstaltungen.
Hier verkaufe ich gerade mit großem Stolz eine CD mit allen Folgen unserer wöchentlichen Radiosendung “Memory On Air” (wir haben nicht viel davon verkauft, drum hab ich mich so gefreut) :)

Niko, Lucia und Memory On Air

Unter den Organisationen, die diese Gedenkfeiern mitveranstalten, und die für das “offizielle” Gedenken verantwortlich sind, sind wir die einzigen, die sich nähere Gedanken dazu machen, warum wir überhaupt gedenken. Treffend formuliert hat das vor kurzem einer unserer Gäste aus Übersee. Nachdem ich ihm die Problematik der Mythologisierung des Partisanenkampfes erklärt habe, meinte er: “Well, I guess they just like to feel good about their World War II-History, instead of thinking about their Fascist past.”
Mein Kollege Mattia hat zu diesem Anlass einen Leserbrief an das linke “Il Manifesto” geschrieben. Er beginnt mit: Per noi, il 25 aprile finisce mai. Für uns hört der 25. April nie auf. Und weil er so schön geschrieben hat, zitiere ich gleich noch die zentrale Stelle, die auch einen Teil unserer Arbeit definiert:

“Was nützt es, den Opfern zu Gedenken, wenn wir nicht in uns selbst die Möglichkeit erkennen, Täter zu sein? Wenn wir nicht in uns selbst, und in unserer Gegenwart, die Mechanismen enttarnen, die zu dieser Gewalt in Monte Sole beigetragen haben?”

Wir haben am 25. April unter anderem einen sehr erschütternden Film über Flüchtlingslager in Libyen, die von Italien finanziert werden, gezeigt.

Und weil ich schon dabei bin, noch ein Zitat aus dem Buch “Das Archipel Gulag” von Alexandr Solshenizyn, das ich vor kurzem gelesen habe:

“If only it were all so simple! If only there were evil people somewhere insidiously committing evil deeds, and it were necessary only to separate them from the rest of us and destroy them. But the line dividing good and evil cuts through the heart of every human being… It is after all only because of the way things worked out that they were the executioners and we weren’t.”

Dieses Zitat kommt auch in dem Buch Humanity von Jonathan Glover vor, das ich gerade mit Faszination lese. Für unsere Arbeit als Friedensschule und für mich als Gedenkdiener sehr inspirierend.

Alle guten Dinge sind drei, drum gleich noch ein Zitat aus einem Buch das ich gerade lese und das mich berührt wie schon lange kein Buch mehr. Into the Wild von Jon Krakauer ist eine wahre Geschichte über einen jungen Amerikaner aus einer wohlhabenden Familie, der sein “bürgerliches” Leben aufgibt, auf Reisen geht, und schließlich irgendwo in Alaska einsam verhungert. Wenige Monate vor seinem Tod hat er einen Freund in einem Brief aufgefordert, seinem Beispiel zu folgen:

“So many people live within unhappy circumstances and yet will not take the initiative to change their situation because they are conditioned to a life of security, conformity, and conservatism, all of which may appear to give one peace of mind, but in reality nothing is more damaging to the adventurous spirit within a man than a secure future. The very basic core of a man’s living spirit is his passion for adventure. The joy of life comes from our encounters with new experiences, and hence there is no greater joy than to have an endlessly changing horizon, for each day to have a new and different sun.”

Das bringt mich zum Nachdenken.


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2 Antworten

30 04 2009
Hermine Moser

Erzähl doch mal mehr von der Mythologisierung des Partisanenkampfes. Deine Auszüge aus Büchern bzw. Leserbrief finde ich sehr anregend. Gern lese ich mehr davon.
Hermine

4 05 2009
Martin

Sehr spannender Blogeintrag, besonders die Hinweise auf Solshenizyn und Krakauer!

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